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Philosophieren mit Kindern
Wie und worüber?

 
N E W

Kurzer Beschrieb von Eva Zoller oder zum Text von Bernard Fassbind

 

Philosophieren mit Kindern
von Eva Zoller Morf

Gareth B. Matthews, Vater zweier Kinder und einer der Begründer der sogenannten „Kinderphilosophie“ traf eines Tages die folgende Abmachung mit seinem fünfjährigen Sohn, der ein typischer Vielfrager war: „Wenn du mich etwas fragst“, sagte der Vater, „will ich mir gern eine Antwort überlegen, aber ich möchte dich dann auch mal was fragen dürfen...“ „In Ordnung“, befand das Kind, „und dann werde ich mir eine Antwort für dich ausdenken.“

Von da aus entspannen sich mehrere über längere Zeit andauernde Gespräche, die der Vater getreulich aufnotierte, so wie Platon einst die Gespräche zwischen Sokrates und dessen Schülern festgehalten hatte.

Eines Tages hörte Matthews den Kleinen mit seiner achtjährigen Schwester reden: „Weißt du eigentlich, was Papa und ich tun?“ „Nein, was denn?“ „Wir schreiben Dialoge!“ „Ach... und worüber denn?“ „Über Dinge, die wir nicht verstehen...“

Philosophieren heisst, beharrlich im Dialog stehen über „Dinge, die wir (noch) nicht verstehen“. Dies geht über den blossen Gedankenaustausch, der gemeinhin „Diskussion“ genannt wird, hinaus, denn beim Philosophieren beschäftigt man sich nicht nur mit Bekanntem, sondern auch mit neuen Ansichten, und man versucht, aus den unterschiedlichen Meinungen der GesprächspartnerInnen einen gemeinsamen Erkenntnisfortschritt zu erreichen.  

 
Worüber lässt sich philosophieren?

Über alles, was uns als Menschen in unserem Menschsein betrifft: Woher wir kommen, wohin wir gehen, wozu wir auf der Welt sind und wie wir leben sollen... Sich als Mensch darauf zu besinnen, wer man ist, wie man sich verändert, ob man sich wirklich kennt und weiss, was Leben bedeutet... das sind die grossen Fragen der philosophischen Anthropologie (Menschenkunde) und der Ethik, die gestellt wurden seit Sokrates damals in Athen seine Mitbürger damit aufscheuchte.  

 
Wie philosophiert man denn eigentlich?

Wie man beim Schreiben die „Bausteine“ Buchstaben und beim Rechnen die Zahlen und das Einmaleins kennen sollte, so gibt es auch für das Philosophieren gewisse Grundtechniken, die von den Fachleuten ebenso benutzt werden, wie man sie im Kleinen, z. B. mit Kindern anwenden kann:

-         beharrlich an der gewählten Frage bleiben und sie von vielen Seiten beleuchten  

-         Selbstverständliches nochmals mit neuen Augen ansehen und sich fragen: Ist es wirklich so, wie ich es bisher gesehen oder verstanden habe?

-         Meinungen aller Beteiligten anhören und nach Gründen suchen, die die Ansichten stützen oder aber auch in Frage stellen könnten

-         immer wieder die Wörter und Begriffe, die man benutzt, klären: Wer versteht eigentlich genau was unter einem bestimmten Ausdruck?

Nicht zuletzt spielt die Phantasie eine wichtige Rolle, denn wer nur nach-denkt über bereits Gedachtes, wird kaum je zu den Vor-denkerInnen gezählt werden können.  


Wie kann mit Kindern oder Jugendlichen philosophiert werden?

Die beschriebenen Themen und „Techniken“ treffen eigentlich auf alle Altersstufen zu. Unterschiedlich wird nicht die Art des Denkens und Ergründens sein, aber das Abstraktionsniveau: Bei kleineren Kindern (bis etwa 10 Jahren) ist es sinnvoll, möglichst nah an den praktischen Erfahrungen und Beispielen zu diskutieren, etwas grösseren können bereits allgemeinere Erkenntnisse und Schlüsse zugetraut werden. Aber selbst für Erwachsene (wenn sie nicht akademisch philosophieren wollen) macht es Sinn, sich auf die eigene Lebenserfahrung zu stützen und nicht in rein theoretische Sphären und Spekulationen abzugleiten – oder höchstens „ausflugsweise“, um allfällige Erkenntnisse danach am Alltag zu messen. „Kinderphilosophie“ zählt zur Alltags- oder „Weltphilosophie“, wie Kant dies (in Absetzung von der Schulphilosophie) nannte.  

Ein weiterer Unterschied besteht in den Methoden und Schwerpunkten. Diese sind je nach Kinderphilosoph*in und Land etwas unterschiedlich. Sie erfahren mehr darüber, wenn Sie zum nächsten Käuzli surfen: Link "die unterschiedlichen Ansätze der Kinderphilosophie".

Hier erzähle ich Ihnen vorerst etwas von meinen eigenen Schwerpunkten:

 
Wie kommen wir überhaupt dazu, mit Kindern zu philosophieren?

Den ersten Zugang bilden sicher die Fragen der kleinen Kinder, die dabei sind, sich in der für sie allenthalben ganz neuen Welt einzufinden. Wenn Eltern und andere Erziehende diese 1001 Fragen nicht immer gleich als Anlass einer Möglichkeit, die Kinder zu belehren, verstehen, sondern als Einladung zum gemeinsamen Nachdenken und Phantasieren, dann können kleine „philosophische Dialoge“, wie Matthews sie beschrieben hat, entstehen. Es empfiehlt sich dabei, die Knirpse erst mal nach ihren Vermutungen oder eigenen Antwort-Ideen zu befragen, bevor wir unsere Meinungen beisteuern, denn in diesem Alter ist die Gefahr gross, dass wir Kinder mit vorgefertigten Antworten unnötig einschränken und zum reinen Konsumieren verleiten.

Wenn wir nicht auf die Fragen der Kinder warten wollen, können wir sie auch mit geeigneten Bilderbüchern oder Texten zum Philosophieren einladen. Auch hierbei ist es ganz wichtig, von der weitverbreiteten Konsumhaltung Abstand zu nehmen: Bücher sind sicherlich auch zum Geniessen und lustvoll Lesen und Ansehen gedacht, sie geben aber ein Mehrfaches her, wenn man sie nutzt als Anlass für philosophische Gespräche. Dazu überlegt man sich eine Grundfrage, z. B : „Muss man wirklich immer gehorchen?“ (moralischer Bereich) oder „Warum gibt es eigentlich so verschiedene Menschen? " (anthropologischer Bereich) oder „Kommen Tiere auch in den Himmel?“ (metaphysphischer Bereich) oder „Was sind eigentlich Gedanken?“ (Erkenntnisbereich)... Und zu dieser Grundfrage kann man sich vor dem Erzählen der Geschichte auch weitere Fragen ausdenken, die zur Ergründung der Hauptfrage beitragen könnten. So gewappnet lässt sich vielleicht schon mitten in der Geschichte, vielleicht auch erst, wenn das Buch zugeklappt ist, ein Gespräch zum gewählten Thema entwickeln. Diese Methode nenne ich nach Sokrates (dessen Mutter eine Hebamme war) die „Hebammenkunst“, denn so leisten wir Geburtshilfe für die Weisheit der Kinder anstelle von gutgemeinter Belehrung.

Die dritte Möglichkeit, vor allem für Kinder und Jugendliche im Schulalter, besteht darin, gezielte Denkübungen und –spielereien anzubieten, welche in speziell dazu verfassten Lehrmitteln zur Kinderphilosophie zu finden sind.
 
 

 


Philosophieren mit Kindern?
Ja, philosophieren mit Kindern!

von Bernard Fassbind
in: Zeitschrift des Schweizerischen Bundes für Jugendliteratur 4/99

Was heisst "Kinderphilosophie" oder "Philosophieren mit Kindern"? Und zweitens: Wozu soll Kinderphilosophie dienen? Und: Was ist überhaupt unter Philosophie zu verstehen, wenn auch Kinder sich in ihr bewegen können? Bernard Fassbind, Literatur- und Kunstwissenschaftler, gibt Einblick in ein Gebiet, auf dem seit Jahren intensiv gearbeitet wird.
 
"Philosophie umfasst als Inhalt die Fülle möglicher Deutungen von Dingen, Ereignisse, Handlungen und uns selbst; als Haltung ist sie das ständige, prinzipiell unabschliessbare Weiterdenken im Sinne eines Deutens von Deutungen; als Methode enthält sie die begrifflich-argumentative Analyse sowie das ästhetische Deuten im weitesten Sinne zur Erweiterung, Vertiefung und Differenzierung von Deutungen."
 
Ekkehard Martens, Philosophieprofessor in Hamburg, versteht seine Begriffsdefinition als eine Alternative zugleich zu einem dogmatischen und zu einem beliebig pluralistischen Philosophieverständnis. Einwände dagegen, dass es möglich und sinnvoll ist, mit Kindern zu philosophieren, kommen von philosophischer, pädagogischer und psychologischer Seite. 
 

Schwierige Philosophie?

Systematisches, begriffskritisches und metatheoretisches Denken überstiegen - so einzelne Stimmen bei Fachphilosophen - die kindlichen Fähigkeiten. Das Philosophieverständnis hinter dieser Ablehnung orientiert sich an einer rein begrifflich-argumentativen Philosophie. Psychologische Einwände berufen sich auf Piagets Konzeption der Entwicklung des kindlichen Denkens, nach welcher die für das Philosophieren erforderlichen geistigen Operationen wie Hypothesen bilden, Schlüsse ziehen sowie das Nachdenken über Denkvorgänge erst im Alter von etwa 11 bis 14 Jahren möglich sind.
 

Selbst denken lernen

Verschiedene AutorInnen sind seit Jahren daran, Vorurteile dieser Art abzubauen. So der bekannte amerikanische Philosoph Gareth B. Matthews, der mit Kindern schon ab drei Jahren Gespräche führt, die durchaus ernsthaften philosophischen Charakters sind. Und der Pädagogikprofessor Ludwig Freese verweist auf frühe Entwicklungspsychologen, die schon in den 20-er und 30-er Jahren festgestellt haben, wie sehr sich bereits Kinder mit vier, fünf Jahren mit Herkunft und Entstehung der Welt und des Menschen, mit Gott und mit dem Tod beschäftigen.
 
In der Heranbildung selbständig denkender, demokratiefähiger Bürgerinnen und Bürger kann das Philosophieren mit Kindern eine wesentliche Hilfe sein. Gerade der Aspekt des Selbstdenkens - zentraler Grundsatz jeder Philosophie macht das einsichtig.

 
Kinder brauchen Gespräche

Des weitern ist die Förderung der Gesprächs- und Konsensfähigkeit Bestandteil einer Kinderphilosophie, die den Dialog methodisch ins Zentrum rückt. "Kinder brauchen Gespräche" - so ein Motto, mit dem Helmut Schreier das Philosophieren mit Kindern stützt. Gleichheit der Sprechenden vor dem Gesprächsgegenstand und der Umstand, dass im philosophischen Diskurs oft nicht einfach zwischen Richtig und Falsch unterschieden werden kann, machen Kinderphilosophie besonders geeignet fürs Einüben sinnvollen Gesprächsverhaltens.
 
Vielfältig sind heute die Bestrebungen. einen Weg zu finden zwischen einem dogmatisch engen Philosophiebegriff und der Tendenz, jede Nachdenklichkeit und jedes Über-Gott-und-die-Welt-Plaudern mit dem Titel "Philosophieren" zu versehen.
 

Philosophie gleich Wissenschaft und Kunst in einem

Matthew Lipman, einer der ‚Väter' der neueren kinderphilosophischen Bestrebungen, postuliert neben dem wissenschaftlichen einen künstlerischen Zugang zur Philosophie:

Philosophie sei als eine Kunstform mit entsprechenden Herangehensweisen zu verstehen.

Aber nach wie vor bleibt die Frage bestehen, inwieweit Kindern begrifflich-argumentatives Denken entspricht - denn Philosophieren kommt nicht ohne verbale begriffliche Eingrenzungen aus.

Nach Susanne Nordhofen gilt es, "die kindlichen philosophischen Denkkeime systematisch zu erkennen. zu fördern und zu kultivieren und dies Unternehmen auch philosophisch, gleichsam von innen heraus, zu begründen". Nordhofen sucht einen sinnlichen Zugang zur Reflexion, wenn sie, auf Ernst Cassirer oder dessen Schülerin Susanne Langer zurückgreifend. der verbalistischen Ausdrucksform eine symbolische - gleichberechtigt und ergänzend - zur Seite stellt. Es gehe (vergl. 8. Brüning) um eine Erweiterung bzw. Präzisierung der Grenzen von Rationalität.
 

S' Käuzli , Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie

Die "Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie" wird von Eva Zoller geleitet. "S'Käuzli", so der Name der Doku-SteIle, entstand 1987 aus einer privaten Sammlung von Literatur zur Kinderphilosophie. Heute bietet Eva Zoller Kurse zu "Kinder- und Alltagsphilosophie" an, vermittelt Informationen für Erziehende und vertreibt einschlägige Bücher - darunter zwei von ihr selbst verfasste.
 
Bei Eva Zoller wird Kinderphilosophie nicht in Abgrenzung von der akademischen Philosophie reflektiert, sondern es geht ihr um die Legitimation eines Gesprächs als Philosophie in allgemeinerem Sinn. Ja, für Eva Zoller hat Kinderphilosophie eher mit Pädagogik als mit Philosophie zu tun. Philosophierende Gespräche - ausgehend beispielsweise von Naturgegenständen wie Steinen - dienen dem Kind und unterstützen sein Interesse an Fragen zur Welt und zum Mensch-sein: im Ansprechen eigener Erfahrungen, im genauen Wahrnehmen, im Klären von Begriffen, im Differenzieren und Hinterfragen von Beobachtungen sowie im Begründen von Entscheidungen. Selbstdenken ist zentral. Und dieses sei bei Kindern, so resümiert Eva Zoller ihre Erfahrungen, viel eher auf den Sinn als auf die Ursache eines gegebenen Zusammenhangs ausgerichtet. Es gehe dementsprechend nicht um Faktenwissen, sondern darum, Meinungsbildung und kindlichen Denk-Mut zu fördern. 

 
Bernard Fassbind

 

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