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Was Kinder so denken
 und zu sagen wissen

 

Gesprächs-Beispiele aus
Schule und Kindergarten

 
 

Zwei Beispiele aus der Primarschule und eines aus dem Kindergarten

Zum Beispiel aus dem KG 
(über das Thema Zeit)

 
Beispiel 1 für die Primarstufe (Thema Sprache und Gefühle)
Die Studentin A. R. der Pädagogischen Hochschule Thurgau PHTG hat mit Unterstufenkindern über
"Sprache - unser WortSchatz?" philosophiert, indem sie sich vom Bilderbuch „Die grosse Wörter-
fabrik" von Agnès de Lestrade (Mixtvision Verlag, 2011) inspirieren liess. In diesem Buch geht es um den Wert von Sprache und die Bedeutung von echten Gefühlen.

Die Studentin schildert ihre didaktische Vorbereitung und das damit ausgelöste Gespräch. In ihrer Reflexion zeigt sie sodann die Kriterien, nach denen sie ihren ersten - sehr schön gelungenen! -philosophischen Praxisversuch reflektiert hat.

Hier geht's zum pdf über den Praxisversuch  Philosophieren mit 7-8-Jährigen über Wörter und Gefühle .

 

 
Beispiel 2 für die Primarstufe (Thema Umgang mit Wut)
Die angehende Primarlehrerin E.H. unternahm ihren ersten Praxisversuch zum Philosophieren mit Kindern in einer 2./3. Klasse zum Thema Wut. Dabei ist ein herrliches Gespräch entstanden, das zeigt, wie Kinder über die Frage "Ist Wut auch gut? Warum? Warum nicht?" denken. Direkt zum Gespräch hüpfen?

Sie hatte das Gespräch und die "Hebammenfragen", mit denen sie die Kinder zum Äussern ihrer eigenen Gedanken und Ideen veranlassen wollte, zusammen mit einer Praxiskollegin wie folgt geplant:

1.   Schriftliche Lektionsplanung
 
Die Lektion wird (zu zweit) mit 17 Kindern (vier 2. Klässler und 13 Schülerinnen und Schüler der 3.Klasse) gehalten.
Die Kinder dieser Klasse beschäftigen sich oft mit dem Thema Gefühle allgemein, und sie formulieren im Morgenkreis
Sätze zu ihrem Befinden. Diese beginnen sie mit: „Ich bin…, weil…“. Die anderen Kinder dürfen anschliessend
Fragen stellen oder Kommentare geben.

Als Grundlage dient das Bilderbuch „Robbi regt sich auf“ (Mireille d’Allancé, Moritz, Frankfurt am Main 2000)

Das Buch „Robbi regt sich auf“ beschäftigt sich mit dem Gefühl der Wut. Ich fand es persönlich ein für die Stufe und auch für die Klasse sehr passendes Bilderbuch mit wunderschönen Zeichnungen.

Die Geschichte beginnt damit, dass Robbi sich aufregt und abschätzige Bemerkungen zu seinem Vater macht. Dieser schickt ihn auf sein Zimmer, doch dort steigt Robbi‘s Wut hoch und immer höher, bis sie als rotes Riesenmonster aus Robbi herausbricht
und ihn fragt: „Und, was machen wir jetzt?“ „Alles was du willst!“ antwortet ihm der erstaunte Junge. Dieses rote Monster wirft in Robbi’s Zimmer Dinge herum und richtet ein grosses Chaos an. Schliesslich ruft Robbi : „Hör auf!“ Ganz am Schluss ist die Wut wieder ganz klein, und er „stopft" sie in ihre Kiste zurück.  Aber: „Kann die Wut denn eigentlich auch gut sein?“

Das philosophische Gespräch zum Thema Wut findet in einer gemeinsamen Sprachlektion der beiden Praktikantinnen statt. 
Sie haben dafür 45 Minuten zur Verfügung. Dabei wird der Fokus nicht auf allgemeine Gefühle, sondern auf das Gefühl der Wut gelegt.
Im Einstieg legen die Kinder ihren „Gefühlsstein“ auf eine der Gefühlskarten, und sie dürfen mit einem Satz umschreiben, warum es ihnen so geht, wie auf der Karte geschrieben und gezeichnet. (Die Kinder kennen dieses Ritual aus dem Morgenkreis und führen es fast jeden Tag so durch. An diesem Morgen wurde es bewusst weggelassen, weil es sich gut als Einstieg für das Philosophieren am Nachmittag eignete.)
 
     
     2.   Hebammenfragen zum Buch: Robbi regt sich auf
 
Begriffsklärung und die Wut beschreiben
-        Was ist eurer Meinung nach die Wut eigentlich?
-        Was ist das Gegenteil von Wut? Warum?
-        Was ist der Unterschied zwischen aufgeregt sein und wütend sein?
-        Welche Arten von Wut gibt es? Wie unterscheiden sich diese?
-        Ist denn die Wut ein gutes oder ein schlechtes Gefühl? Warum?
-        Ist Wut immer schlecht/gut? Warum (nicht)?
-        Wenn die Wut eine Farbe hätte, welche würdest du ihr geben? Warum?
-        Warum meinst du, ist Robbi‘s Wutmonster eigentlich rot?
-        Wie fühlt sich Robbi, als „etwas Schreckliches“ in ihm hochsteigt? Wie fühlt ihr euch wenn ihr wütend seid?
-        Wie fühlt ihr euch wenn andere wütend auf euch sind?
-        Ist die Wut immer gleich stark?
-        Wo fühlt ihr die Wut im Körper?
-        Was macht die Wut mit euch?
 
 
Auslöser von Wut
-        Wer macht euch wütend und warum?
-        In welchen Situationen werdet ihr wütend? Wer kann ein Beispiel nennen?
-        Werdet ihr bei allen Menschen gleich schnell wütend? Warum (nicht)?
-        Macht es einen Unterschied, welche Person wütend auf euch ist? Warum (nicht)?
  
Wutbewältigung
 
-        Hat euch die Wut auch schon einmal so überrumpelt wie Robbi, den kleinen Jungen im Buch?
       Was ist passiert? Was habt ihr dann gemacht?
-        Was macht ihr, um euch abzuregen, wenn ihr wütend seid?
-        Wie reagiert Robbis Wut? Findet ihr das in Ordnung so oder nicht und warum?
-        Wie fühlt ihr euch, wenn ihr euch abgeregt habt/ nicht mehr wütend seid?
-        Wird man die Wut auch wieder los? Wohin geht die Wut? Warum?
-       Was kann man tun, wenn man wütend wird und merkt, dass die Wut die Kontrolle bekommt?
       Habt ihr Tipps und Vorschläge? Was denken die anderen?
  
Hypothesen
-        Darf man überhaupt wütend sein? Was wäre, wenn immer alle Menschen wütend wären?
-        Was wäre, wenn man nie wütend wäre? Gibt es Menschen die nie wütend werden?
 
 
    3.   Einstieg und Ausstieg
 
Einstieg
„Ich bin…, weil…“ (Nachmittagskreis)
z.B. Ich bin glücklich, weil ich heute Nachmittag ins Schwimmbad gehen darf.
Ausstieg
Wie könnte die Geschichte denn ausgehen? („gut, schlecht“)
Die Schüler erfinden zu zweit einen Schluss, den sie den anderen Kindern vorspielen oder erzählen.
Die Lehrperson präsentiert dann zum Abschluss die letzte Bilderbuchseite.
  
       4.   Ausschnitte aus dem Gespräch
 Ein paar Beispielssätze des Nachmittagkreises, noch vor der Philosophie-Stunde:
Ich bin traurig, weil die Praktikantinnen nach dieser Woche schon wieder weggehen, und ich finde das schade,
weil es gerade so schön war.
Ich bin auch traurig, weil, also nicht wegen euch, sondern wegen meiner Mutter, weil ich sehe sie eine Woche nicht mehr.
Ich bin glücklich, weil ich heute ins Basketball gehe.
Ich bin glücklich, weil meine Mutter heute Geburtstag hat.
Ich bin traurig, weil Sie heute schon wieder gehen.
Ich bin glücklich, weil wir am Sonntag in den Zirkus Knie gehen .
Ich bin glücklich, weil ich heute ins Freibad gehe.
Ich bin traurig, weil meine Brille kaputt ist.
Ich bin glücklich, weil ich in neun Tagen Geburtstag habe.
Ich bin interessiert, weil es mich sehr Wunder nimmt, wie diese restliche Lektion noch verläuft.
 
Nun wurde der Anfang der Geschichte von Robbi vorgelesen. Die Kinder schrieben anschliessend eine „Gefühlskarte“
für Robbi und legten diese in den Kreis: Um welches Gefühl könnte es sich handeln und welche Farbe passt dazu?
Welches ist das Gegenteil dieses Gefühls, und welche Farbe hätte jenes?
Alle schauten sich gemeinsam an, welche Ideen andere Kinder hatten, und welche Farben sie dafür gewählt hatten: 
 
Antworten von den Schülern und Schülerinnen, auf die Frage, welches das Gefühl ist,
das Robbi empfindet, und welche Farbe ihr Zettel hat:
Mein Kärtchen ist rot und gelb. Wütend und glücklich. Also das Gegenteil. Weil wütend immer rot ist.
Bei wütend hab ich rot genommen. Weil ,wenn man wütend ist, hat man eine richtige Wut im Gesicht
und würde am liebsten alles zusammenschlagen.
Er muss sich übergeben. Weil wenn ich mich übergeben muss, werde ich immer so rot.
Ich hab rot für wütend genommen, weil ... Wenn man wütend wird, wird der Kopf immer so rot.
Rot, weil Robbi ist ja rot geworden, und Manche werden ja rot, wenn sie wütend sind. Ich werde auch rot.
Rot für wütend, weil dann im Körper so eine Kugel raufsteigt, und die stell ich mir rot vor.
Rot für wütend, weil wütend wie Feuer ist .

Frau H. hat vorhin erzählt, dass bei Robbi etwas aufsteigt, das immer grösser und grösser wird.
Was könnte das denn sein?

Wut (wurde von fast allen Kindern genannt).
Vielleicht ist er aufgeregt.
Was ist denn der Unterschied, zwischen aufgeregt und wütend sein? 
Wenn man wütend ist, ist man "hässig", und bei aufgeregt, da ist man eigentlich nicht hässig. Aber man kann eigentlich beides zusammen sein. Aber aufgeregt, da ist man einfach aufgeregt wie z.B. auf eine Aufführung. Da ist man ja auch nicht hässig.
Er könnte ja auch verliebt sein, wenn er so rot wird. (Alle lachen)
Meinst du das passt zu dieser Geschichte?
Nein. Aber das könnte ja noch kommen!
Sollen wir mal schauen um welches Gefühl es sich handelt? (Lehrperson liest die Geschichte weiter vor.)
 
Was könnte das Rote sein, das aus ihm rauskommt?
Ein Gespenst oder ein Monster.
Warum denkst du, dass es ein Gespenst oder ein Monster ist?
Ja, weil es so aussieht wie ein Affe, aber der kann ja nicht aus seinem Mund kommen.
Für mich sieht es ein bisschen so aus wie die Wut.
Warum denkst du, dass es die Wut sein könnte?
Weiss auch nicht.
Was macht dich darauf aufmerksam?
Es könnte ja das Gespenst der Wut sein.
Ich denke wegen der Wut, dass es wie so ein Wuttier gibt, das jeder so ein Wuttier hat. Und mein Wuttier ist der Affe.
Kennen die anderen auch solche Wuttiere?
Mhm. (die meisten Schüler stimmen zu)
Könnt ihr mir erklären warum das so ist?
Mein Wuttier ist auch ein Affe und am liebsten würde ich dann alles zerstören und alles auf den Boden werfen,
alles umwerfen, drauf klettern und so.
Ich stelle mir die Wut auch als Tier vor. Ein Tier das man nicht mag. Von mir wäre das eine Schnecke.
Warum ist es denn ein Tier das du nicht magst?
Weil ich die kleinen Tiere „herzig“  finde, die Grossen aber nicht.
 
In welchen Situationen werdet ihr denn wütend und warum?
Wenn mich jemand nervt, also wenn jemand mir die ganze Zeit nachredet und ich sage: Hör auf!
Und er hört einfach nicht auf, dann werde ich wütend.
Ich werde wütend wenn jemand sagt: "Du bist ja so hässlich, und ich bin hübscher als du." Mich macht das einfach
wütend, weil ich ja ein hübsches Mädchen bin. Und ich denke mir dann: "Das stimmt gar nicht. " Ich werde dann
richtig wütend auf diese Person.
Wenn meine Mutter mit mir schimpft , dann gehe ich ins Zimmer und werfe mit Kissen rum.
(Andere Kinder rufen: "Ich auch!")
 
Was machen denn die anderen, wenn sie wütend werden?
Ich werde meistens wütend, wenn meine Schwester mich ärgert. Und dann petzt sie es meiner Mutter
und sagt, dass ich sie geschlagen habe. Und dann muss ich meistens ins Zimmer.
Und was machst du dann in deinem Zimmer?
Dann bin ich wütend auf sie.
Und was machst du wenn du wütend bist?
Dann spiele ich ein Spiel mit mir alleine.
Wenn ich richtig wütend bin, dann bin ich meistens nicht soo wütend. Aber ich beisse mir dann immer auf die
Lippen und dann kann ich mich besser beruhigen.
Ich gehe meistens ins Zimmer und boxe ins Kissen.
Ich gehe ins Zimmer und dann spiel ich ein bisschen, und dann hab ich es schon wieder vergessen.
Wenn ich wütend bin, dann schreie ich und springe herum.
Wenn ich wütend bin gehe ich ins Zimmer und schmettere die Türe zu.
Wenn ich „verrückt“ bin gehe ich einfach ins Zimmer und räume auf.
Wenn ich wütend bin auf meinen Bruder, also wenn er mich aufs Sofa schubst, und dann kommt mein Vater
nach Hause und sagt , dass ich ihn geschubst habe, dann schickt mich mein Papa nach oben in mein Zimmer,
und dann „schletze“ ich die Tür zu und nehme drei Pfeile und ein Plakat von meinem Bruder und 
versuche sie in seine Augen zu treffen.
Ich lege mich mit dem Bauch aufs Bett und strample ganz fest mit den Beinen.
Ich schreie dann ins Kissen.
Ich gehe ins Zimmer und rede mit meinem Hund, weil ich das Gefühl habe, dass er der einzige ist, der mich versteht.
 
 
Die Praktikantin erzählt die Geschichte weiter bis dahin, wo Robbi, die Wut wieder in die Kiste stopft.
 
Wieso ist das grosse rote Monster auf einmal so klein geworden?
Es tut so wie ein bisschen sterben oder schrumpfen. Und wenn es so klein ist wie ein Bakterium dann ist es tot.
Warum glaubst du denn, dass es schrumpft?
Ich glaube es gibt eine bestimmte Zeit, wie lange es lebt.
Es könnte sich ja schämen.
Weil die Wut ein bisschen weggegangen ist und wenn Robbi glücklich wird, wird die Wut immer kleiner.
Das Dings da kommt ja aus ihm raus. Und wenn er wütend ist, ist es gross, und wenn er glücklich ist, ist es klein.
…wenn es so klein ist, ist es nicht mehr die Wut sondern das Glück.
Ich denke, erswird kleiner, weil die Wut auch schrumpft.
Ist es immer so, dass die Wut zuerst gross ist und dann schrumpft sie wieder? (alle bejahen)
Ja, weil wenn man eine Wut hat, dann macht man wieder Frieden.
Weil das Monster nicht mehr so böse ist.
 
Ist es denn ein nettes Wutmonster oder ein böses?
Ich denke, es ist ein böses. Weil die Wut ja auch ein Gefühl ist , das die meisten nicht gerne haben.
Denken alle, dass die Wut ein nicht so gutes Gefühl ist? Oder kann es denn auch ein gutes Gefühl sein? (alle: hmm)
Manchmal, wenn man sich so richtig austoben will, ist sie gut.
Manchmal ist sie gut und manchmal ist sie auch schlecht.
Zum Beispiel?
Also wenn S. ein nicht so guter Freund von mir wäre, und er würde mein Lieblingsspielzeug kaputt machen bei mir
zu Hause, zum Beispiel einen Laster von mir, dann würde ich ihn nach Hause schicken. Das ist auch ein bisschen gut,
wenn mein seinen schlechtesten Freund loswerden will.
Wenn man Streit hat und sich dann die Hand gibt, dann geht die Wut auch ein bisschen weg.
Denkst du, sie dann eher gut oder eher schlecht ist ?
Besser. 
Eigentlich muss die Wut gross sein und dann wieder klein werden, weil sonst wäre man sein Leben lang wütend.
 
Wer möchte zum Abschluss noch etwas sagen? Hat die Wut auch gute Seiten? Oder ist sie immer schlecht?
Eigentlich könnte es beides sein. Wenn du mal richtig wütend bist, kannst du die Wut in dir raus lassen.
Aber es ist nicht so ein schönes Gefühl, wenn du wütend auf jemanden bist. (alle stimmen zu)
 
Zum Abschluss durften die Kinder den Schluss erraten, bevor wir die Geschichte zu Ende erzählten.
Auf die Frage, was denn nun passiert sei, antwortet eine Schülerin:
 
Das Feuer in seinem Körper ist erlöscht durch das Wasser der Freude.
Dieser Satz bildete den Abschluss unserer Stunde.

 
    5.   Reflexion

Mein erster Praxisversuch im Philosophieren mit Kindern hat mir persönlich viele neue Einsichten in die Denkweisen und die Art, wie Kinder mit Gefühlen umgehen, gegeben. Im Gespräch haben die Kinder teilweise sehr spannende oder auch lustige Äusserungen gemacht, auf die ich gerne genauer eingegangen wäre. Nicht nur für Kinder ist es allgemein sehr wichtig, Gefühle in Worte zu fassen und anderen zu erzählen,wie es ihnen geht, was sie beschäftigt oder bedrückt. Besonders positiv ist, dass beim Philosophieren keine Aussagen gewertet werden, so dass jedes Kind das erzählen konnte, was ihm durch den Kopf ging.
Im Gespräch habe ich auch viel über die Kinder gelernt und neue persönliche Dinge von ihnen erfahren können. Wichtig war mir, keine der gemachten Aussagen zu werten, sondern diese respektvoll entgegen zu nehmen. Zwischendurch fiel mir dies sehr schwer, weil z.B. ein Junge unserer Klasse eine Art von Wutbewältigung hat, die mir persönlich nicht „behagen“ würde und ich Mühe damit hatte.
Das Gespräch lief bei meinem Versuch nicht genau nach Planung ab. Einige der notierten Fragen wurden weggelassen oder von den Kindern ohne nachzufragen beantwortet, was ich aber nicht als störend empfand. Mir war wichtig, dass sich die Kinder Gedanken zum Thema machen und diese im Gespräch preisgeben. Interessant fand ich, dass - obwohl wir das Gespräch nicht in eine gewünschte Richtung gelenkt haben, sondern die Kinder einfach erzählen liessen - vieles von dem, was wir uns zum Thema gedacht hatten, zum Vorschein kam. Oder auch, dass die Kinder Ideen hatten wie z.B. das Wuttier, das in einem steckt, auf die ich nie selber gekommen wäre.

Gefreut hat es mich, dass wir trotz der kurzen verfügbaren Zeit ein schönes Gespräch mit einem tollen Schlusswort einer Schülerin führen durften. So blieb nichts offen im Raum stehen. Alle Schülerinnen und Schüler waren sich am Schluss einig, dass die Wut sowohl gute und schlechte Seiten hat, womit sie wahrscheinlich recht haben. Auch unsere Praktikumsklasse fand es spannend, sich mit dem Thema Wut zu beschäftigen und ihre Gedanken zum Thema zu formulieren. .

Das Thema Gefühle sowie das Buch „Robbi regt sich auf“ hat sich für die 2. Und 3. Klasse gut bewährt. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dassThema in einem nächsten Praktikum mit der 5. Klasse ähnlich aufzugreifen.
Das Philosophieren mit Kindern hat mir sehr gut gefallen und ich hoffe, dass ich meine Erfahrungen weiter vertiefen kann und noch viel mehr von der Gedanken- und Phantasiewelt der Kinder erfahren darf.
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Ein Beispiel aus dem Kindergarten:

Die angehende Kindergärtnerin F.H. führte im Rahmen ihrer Ausbildung ein philosophisches Gespräch mit zwei Mädchen (S,T) und zwei Knaben (P,A) von 5 und 6 Jahren. Sie wählte als Thema eine Frage, welche sie sich auch selbst schon oft gestellt hatte:
 

Warum benötigen wir Menschen überhaupt Zeit? 
Oder brauchen wir sie vielleicht gar nicht unbedingt? 
  
Um die Kinder ans Thema heran zu führen, wählte sie das Bilderbuch von Vladimir Skutina:
Wo die Zeit wohnt (bohem press) und erzählte die Geschichte von der kleinen Karin: Diese hört von allen Familienmitgliedern die Ausflüchte „Keine Zeit! Keine Zeit!“, weshalb sie sich auf die Suche nach der Zeit macht. Das Kind glaubt, sie im Kirchturm finden zu können, weil dort die grosse Uhr ist, aber sie trifft nur den Uhrmacher an. Die beiden unterhalten sich so lange, bis Karin zu spät nach Hause kommen würde... wenn der „Herr Zeitgeist“ nicht wenigstens die Uhr still stehen lassen könnte. Aber hat er damit auch die Zeit angehalten?

 
Hier ein paar Auszüge aus dem Gespräch darüber:

F    Was glaubt ihr denn, wo die Zeit wohnt?

T    In grossen und kleinen Uhren, weil die Zeit ja überall ist. Einfach manchmal ein wenig anders.
      Zeit ist auch im Gräslein, in der Erde, unter dem Gras...

F   Ist die Zeit in dem Fall auch immer verschieden gross, weil sie ja in den verschiedensten Uhren 
     und an den verschiedensten Orten Platz hat?

A   Ja, die Zeit ist entweder gross oder klein.

P   Ja, beim grossen Zeiger ist sie gross und beim kleinen Zeiger klein.

S   Oder wenn sie grosse Zahlen hat, ist sie auch gross, die Zeit.

F   Aber wie könnte denn die Zeit auch noch aussehen? Hat sie vielleicht eine bestimmte Farbe?

S   Ja, schwarz.

F   Wieso ist die Zeit für dich schwarz?

S   Ja, weil sie schwarze Zahlen hat! Unsere Uhren haben schwarze Zahlen, deshalb ist auch die Zeit schwarz.

P   Ja, weisst du, die Zeit hat immer die Farbe, welche die Uhr hat.

A   Und wenn die Uhr bunt ist, dann ist auch die Zeit bunt. Manchmal hat die Zeit eben eine schöne Farbe
     und manchmal ist sie nicht so schön.

F   Wann hat denn die Zeit eine schöne Farbe? Oder wann nicht?

A   Die schöne Zeit, die vorbei geht, hat auch eine schöne Farbe. Und dann gibt’s auch eine nicht so schöne Zeit,
     zum Beispiel, wenn man auf etwas warten muss. Diese Zeit hat dann eine weniger schöne Farbe.

P   Ja, im Winter ist sie ganz weiss...

S   Und im Sommer bunt.

P   ...und vor Weihnachten wird sie dann immer etwas dunkler, weil man dann ganz lange warten muss,
     bis man die Geschenke bekommt.

F   T, wie würdest du denn die Zeit zeichnen? Wie sieht deine Zeit aus?

T   Zeit kann man gar nicht zeichnen!

F   Wieso meinst du, dass das nicht geht?

T   Ja, weil die Zeit ja immer vorbei geht, dann kann man sie doch gar nicht malen! Man kann sie nicht festhalten!
     Denn: Da ist Zeit und dort ist Zeit und überall ist sie, und sie geht immer vorbei. Man sieht sie ja gar nicht.

A   Doch, die Zeit auf dem Wecker kann man sehen, aber die Zeit, die immer vorbei geht, die kann man nicht sehen.

T   Und die Zeit, die man nicht sehen kann, das ist zum Beispiel die Zeit, die man braucht, um Velo fahren zu lernen.

 
Etwas später im Gespräch:

F   Karin aus der Geschichte meinte, die Erwachsenen hätten nie Zeit für die Kinder. Sie hätten viel weniger Zeit als die Kinder. Was denkt ihr? Wer hat mehr Zeit, die Kinder oder die Erwachsenen?

S   Die Kinder.

A   Nein, die Kinder müssen zur Schule und in den Kindergarten und in die Sekundarschule. Die Erwachsenen
     haben mehr Zeit, weil sie immer tun können, was sie wollen. Denen sagt niemand, wann sie schlafen gehen sollen.

T   Weisst du, eigentlich hat ja niemand mehr Zeit als jemand anders, weil der Tag ja immer gleich lang ist.
     Aber die Kinder haben mehr Zeit, weil sie weniger machen müssen.

F   Was wäre, wenn es plötzlich keine Zeit mehr gäbe?

A   Das wäre richtig schlimm! Dann würden alle sterben!

F   Wieso meinst du, dass wir alle sterben müssten?

A   Weil wir dann ja nicht mehr wüssten, wann wir frühstücken müssen. Dann verhungern wir alle und...

P   Ja, und wann wir zu Mittag essen oder Znüni oder Zvieri essen müssten...

S   Wir wüssten dann ja auch nicht mehr, wann wir in den Kindergarten gehen müssten.

F   Dann ist also die Zeit wichtig, damit wir wissen, wann wir essen müssen...

S   ...ja, und damit wir wissen, wie spät es ist.

A   Damit wir wissen, wann wir schlafen gehen sollen.

P   Aber dafür bräuchte es nicht unbedingt eine Zeit, denn es wird ja immer Tag –Nacht – Tag – Nacht,
     und wenn’s dunkel wird, dann weisst du, dass es Bettzeit ist.

T   Auch um zu wissen, wann man essen soll, braucht es nicht unbedingt eine Zeit. Wenn der Bauch knurrt,
     dann weiss man, dass man etwas essen muss.

F   Dann ist für euch die Zeit also doch nicht so wichtig?

A   Eigentlich nicht. Die Zeit auf dem Wecker, die braucht man ja wirklich nicht unbedingt. Weil jeder Mensch ja
     seine eigene Uhr hat, weisst du, für die Zeit, die man zum Leben hat. Diese Uhr sagt einem auch, wann man
     essen oder schlafen muss. Und diese Zeit sagt einem auch, wann man schwimmen oder Velo fahren lernen muss.

F   Und wann bekommt man denn diese Uhr?

A   Das weiss ich auch nicht so genau.

P   Die gibt einem der Liebe Gott, wenn man geboren wird. Und der Liebe Gott hat auch alle solchen Uhren im Himmel.
     Er hat einen sooo grossen Himmel (er kreist mit seinen Armen) und dort haben alle Uhren drin Platz. Weisst du, 
     wie diese Uhren heissen?

F   Nein, aber erzählst du es mir?

P   Ja. Die heissen Menschenuhren! Und wenn man stirbt, dann bekommt man seine Uhr zurück.

F   Aha, es gibt also neben der Zeit auf dem Wecker und der Zeit, die immer gerade vorbei geht noch eine
     dritte Zeit, und die wird von der Menschenuhr gemessen. Drei verschiedene Arten von Zeit, und jede ist für
     etwas wichtig. Alle sind für etwas gut. Wir brauchen alle drei zum Leben, würde eine fehlen, dann
     könnten wir nicht leben.


A   Nicht wahr, ausser der Zeit auf dem Wecker, die bräuchten wir nicht unbedingt, denn das ist ja die, welche alle
     nicht so gern haben...


Zur Abrundung dieses philosophischen Nachmittags bot die Kindergärtnerin den vier kleinen PhilosophInnen einen selbstgebackenen Schokoladekuchen an, der als „Uhr“ dekoriert war. Plötzlich meinte P zwischen dem Kauen: „Nicht wahr, jetzt haben wir alle wieder ein bisschen mehr Zeit in uns drin!“

 
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