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Rezensionen
und Berichte

 

zu kinder- und alltagsphilosophischen
Publikationen

 

Zum kritischen Bericht "Philosophieren mit Kindern?"

 

Das Netzwerk für Praktisches Philosophieren www.philopraxis.ch hat bisher drei Reader veröffentlicht, zu dem jede/r Autori/in jeweils aus der eigenen praktischen Arbeit einen Beitrag beisteuerte.

Der folgende Bericht über "Lebendiges Lernen" ist eine Rezension unseres ersten Gemeinschaftswerks von 2005. (in Grün, was die Kinderphilosophie betrifft)

Ihm folgten 2008 "Das OrientierungsLos" - Philosophische Praxis unterwegs, Hartung-Gorre Verlag Konstanz
und 2010 "Methoden philosophischer Praxis" - Ein Handbuch, transcript Verlag Bielefeld.

Mein kinderphilosophischer Beitrag befasst sich im "OrientierungsLos"  natürlich mit der Suche nach Orientierung, d.h. mit Sinnfragen von kleinen Kindern bis zu Jugendlichen sowie unseren Umgang damit als philosophisch orientierte Pädagog/-innen.

Im Methodenbuch beschreibe ich den ethischen Schwerpunkt der Kinderphilosophie, angereichert um das so genannte "Caring Thinking" (einfühlsam fürsorgliches Denken), das den logisch-kreativen Ansatz um emotionale Aspekte erweitern will.

 

Lebendiges Philosophieren

Gudrun Perko

Detlef Staude (Hg.), Lebendiges Philosophieren. Philosophische Praxis im Alltag, Bielefeld 2005


Philosophische Praxis ist erst zwei Jahrzehnte alt, so im Vorwort der sehr interessanten und ansprechenden Sammelpublikation. Ausgehend von Gerd B. Achenbach, der im deutschsprachigen Raum diese Weise des miteinander Philosophierens initiierte oder in Anlehnung an Sokrates wiedererweckt hat und ihm eine neue Bedeutung verlieh, sind die Formen dieser Praxis gegenwärtig sehr vielfältig: philosophische Gesprächsgruppen, philosophische Beratung, philosophisches Reisen, philosophische Cafés, philosophische Lehrgänge, philosophische Fotografie etc. Die nun vorliegende Publikation enthält eine Fülle von Ansätzen, Überlegungen und vor allem Darstellungen praktizierter Formen des gemeinsamen Philosophierens. Die einzelnen Beiträge – verständlich und der Sache angemessen zumeist sinnlich formuliert – vermitteln, was und wie von Philosophie außerhalb akademischer Felder gelernt werden kann und inwiefern philosophische Praxis zur Gestaltung des eigenen Lebens beizutragen imstande ist. Im Mittelpunkt steht das Miteinander des Reflektierens, Nachdenkens und Debattierens sowie die Möglichkeit, voneinander zu lernen.
 
 
Gerade der Aspekt des Voneinander-Lernens als Prozess des Miteinanders gibt der philosophischen Praxis einen brisanten Geschmack. Sie zeichnet sich so über das philosophische Staunen, der Muße als Notwendigkeit des Philosophierens und dem Erkenntnisinteresse durch eine Lebendigkeit und Kreativität aus, die nur im Miteinander und aufgrund der Pluralität der Teilnehmenden entstehen kann. In diesem Sinne liegt der eigentliche Erfolg etwa einer philosophischen Reise, in der sich die Teilnehmenden selbst den Weg weisen, im kommunikativen Prozess (Peter Vollbrecht). Den Teilnehmenden kommt der Status des Gastes zu, der ein Recht darauf hat, als solcher behandelt zu werden. Und so eröffnet der Moderator eines philosophischen Cafés seinen Gästen eine einladende Zugangsweise zur Philosophie und gibt den vielfältigen Meinungen Raum: „wer ins Philosophische Café geht, hat die Chance, ein intellektuelles Bad in der Pluralität zu nehmen“ (Peter Vollbrecht). Auch in den philosophischen Gesprächsgruppen wird das Interesse an Erkenntnis (sophia-Aspekt der Philosophie) stets durch den Wunsch nach Austausch, Anregung und nach einem gemeinsamen Gespräch (philos-Aspekt der Philosophie) getragen: „hier braucht es innere Ruhe, Aufmerksamkeit, Offenheit und letztlich (…) Liebe“ (Detlef Staude). Damit korrespondiert der philosophische Lehrgang, insofern hier der Dialog und das gemeinsame Erarbeiten ins Zentrum des gemeinsamen Philosophierens gerückt wird (Detlef Staude).
 
 
Philosophische Praxis richtet sich immer wieder auf bestimmte Zielgruppen. Das Spektrum ist breit gestreut, ihr Charakteristikum aber besteht darin, Fachlaien zu sein und vor allem, Interesse zu haben. Näher beschrieben werden philosophische Seminare mit Menschen, die berufliche Leitungspositionen einnehmen (Richard Egger) oder Philosophieren mit Kindern (Eva Zoller Morf). Zweiteres – in den 1970er Jahren in den USA konzipiert – nimmt innerhalb der philosophischen Praxis zentralen Stellenwert ein. Denn die Neugierde auf das Leben und die gemeinsame Freude am Selberdenken mit und bei Kindern zu schüren, bedeutet ein pädagogisch-politisch-philosophisches Konzept zu verfolgen, das Immanuel Kant für Erwachsene festgehalten hat: „Sapere aude! Wage, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ und in diesem Beitrag erweitert formuliert „(…) anstatt Dich auf Autoritäten aller Art zu verlassen“ (Eva Zoller Morf). Diese Intention gilt nicht nur Kindern. Die philosophische Beratung heilt nicht (wie die Psychoanalyse), vielmehr ist sie ein Hineintauchen in das Leben, ist nicht nur theorein (Betrachtung), sondern vita activa (aktives Leben) und zeigt so „(…) Möglichkeiten auf, spornt das Gegenüber zum Selberdenken an; kann Orientierung sein und Entscheidungen in wichtigen Lebensfragen unterstützen“ (Martina Bernasconi).
 
 
Die Inhalte philosophischer Praxis sind mannigfaltig. Lesende erfahren, dass über Konzeptionen von Philosophen und Philosophinnen nachgedacht und geredet wird, Logik und Kommunikation (Bernhard Schneider) den Gegenstand der Auseinandersetzung bilden, das Thema Arbeit im Spannungsfeld von historischen Auffassungen und gegenwärtigen Problematiken (Willi Fillinger) zur Diskussion steht oder der Sinn des Lebens befragt wird (Harry Wolf). Dabei geht es nicht um vorschnelle Antworten, nicht um die eine richtige Antwort, nicht um schulmeisterisches Belehren. Vielmehr ist es der philosophischen Praxis um die Verbindung des Voneinander-Lernens und des Fragens bzw. Befragens zu tun: „auf jeden Fall ist es undenkbar zu philosophieren, ohne von Fragen geleitet zu werden“ (Dominique Zimmermann). Das die Antworten lange Zeit brauchen, vermittelt bereits Friedrich Nietzsche, wenn er schreibt: „Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird einige Jahrhunderte brauchen, um auch nur vollständig und in all ihrer Tiefe hinein gehört (Hvh. G.P.) zu werden“.
 
 
In dem sehr gelungenen Sammelband wird zwar die Wichtigkeit des Ortes erwähnt, wo philosophisches Sprechen und Denken zur Entfaltung kommen kann: Orte, die „(…) mit ihrer Geschichte oder ihrer besonderen Atmosphäre das jeweilige philosophische Thema mit einem genius loci aufladen“ (Peter Vollbrecht). Doch lassen die einzelnen Beiträge keine Zweifel entstehen, dass Philosophieren allerorts möglich ist. Es ist da möglich, wo Menschen Interesse daran haben, gemeinsam nachzudenken, zu reflektieren, selbständig zu denken und sich über das Gedachte auszutauschen. Die Philosophierenden lernen mit anderen für sich und richten ihren Sinn auf die Welt. Und jene, die philosophische Cafés, philosophische Gesprächsrunden oder Seminare moderieren, lassen sich von einer Lebendigkeit leiten, bringen ihre eigene Person, ihr eigenes Leben, ihre Erfahrungen in das Gespräch und zeigen damit, „dass das Leben von philosophisch Praktizierenden exemplarisch für die Verbindung von ‚Erwerbswelt“ und ‚Privatleben’ steht, was die übliche Trennung dieser Bereiche denkwürdig macht“ (Dominique Zimmermann).
 
 
Das Nachdenken darüber, ob es das reguläre Berufsbild des praktischen Philosophen/der praktischen Philosophin geben kann und ob es dafür eine spezifische Ausbildung geben muss (Thomas Gutknecht) zeigt, dass diese Diskussion im Gange ist und lässt erschrecken. Denn es erinnert an den Verlust der Lebendigkeit und Kreativität, die neu entstehende Praxen in ihren Anfängen zumeist bergen. Durch ihre institutionalisierten Regelungen verloren sie diese Lebendigkeit und Kreativität und evozierten eine Einteilung zwischen Menschen: zwischen jenen, die Regeln und Techniken etc. vorgeben und jenen, die sie befolgen müssen, um dem vorgegebenen Berufsbild zu entsprechen.
 
 

 

 
Philosophieren mit Kindern?
Ja, philosophieren mit Kindern!

von Bernard Fassbind
in: Zeitschrift des Schweizerischen Bundes für Jugendliteratur 4/99

Was heisst "Kinderphilosophie" oder "Philosophieren mit Kindern"? Und zweitens: Wozu soll Kinderphilosophie dienen? Und: Was ist überhaupt unter Philosophie zu verstehen, wenn auch Kinder sich in ihr bewegen können? Bernard Fassbind, Literatur- und Kunstwissenschaftler, gibt Einblick in ein Gebiet, auf dem seit Jahren intensiv gearbeitet wird.
 
"Philosophie umfasst als Inhalt die Fülle möglicher Deutungen von Dingen, Ereignisse, Handlungen und uns selbst; als Haltung ist sie das ständige, prinzipiell unabschliessbare Weiterdenken im Sinne eines Deutens von Deutungen; als Methode enthält sie die begrifflich-argumentative Analyse sowie das ästhetische Deuten im weitesten Sinne zur Erweiterung, Vertiefung und Differenzierung von Deutungen."
 
Ekkehard Martens, Philosophieprofessor in Hamburg, versteht seine Begriffsdefinition als eine Alternative zugleich zu einem dogmatischen und zu einem beliebig pluralistischen Philosophieverständnis. Einwände dagegen, dass es möglich und sinnvoll ist, mit Kindern zu philosophieren, kommen von philosophischer, pädagogischer und psychologischer Seite. 
 

Schwierige Philosophie?

Systematisches, begriffskritisches und metatheoretisches Denken überstiegen - so einzelne Stimmen bei Fachphilosophen - die kindlichen Fähigkeiten. Das Philosophieverständnis hinter dieser Ablehnung orientiert sich an einer rein begrifflich-argumentativen Philosophie. Psychologische Einwände berufen sich auf Piagets Konzeption der Entwicklung des kindlichen Denkens, nach welcher die für das Philosophieren erforderlichen geistigen Operationen wie Hypothesen bilden, Schlüsse ziehen sowie das Nachdenken über Denkvorgänge erst im Alter von etwa 11 bis 14 Jahren möglich sind.
 

Selbst denken lernen

Verschiedene AutorInnen sind seit Jahren daran, Vorurteile dieser Art abzubauen. So der bekannte amerikanische Philosoph Gareth B. Matthews, der mit Kindern schon ab drei Jahren Gespräche führt, die durchaus ernsthaften philosophischen Charakters sind. Und der Pädagogikprofessor Ludwig Freese verweist auf frühe Entwicklungspsychologen, die schon in den 20-er und 30-er Jahren festgestellt haben, wie sehr sich bereits Kinder mit vier, fünf Jahren mit Herkunft und Entstehung der Welt und des Menschen, mit Gott und mit dem Tod beschäftigen.
 
In der Heranbildung selbständig denkender, demokratiefähiger Bürgerinnen und Bürger kann das Philosophieren mit Kindern eine wesentliche Hilfe sein. Gerade der Aspekt des Selbstdenkens - zentraler Grundsatz jeder Philosophie macht das einsichtig.

 
Kinder brauchen Gespräche

Des weitern ist die Förderung der Gesprächs- und Konsensfähigkeit Bestandteil einer Kinderphilosophie, die den Dialog methodisch ins Zentrum rückt. "Kinder brauchen Gespräche" - so ein Motto, mit dem Helmut Schreier das Philosophieren mit Kindern stützt. Gleichheit der Sprechenden vor dem Gesprächsgegenstand und der Umstand, dass im philosophischen Diskurs oft nicht einfach zwischen Richtig und Falsch unterschieden werden kann, machen Kinderphilosophie besonders geeignet fürs Einüben sinnvollen Gesprächsverhaltens.
 
Vielfältig sind heute die Bestrebungen. einen Weg zu finden zwischen einem dogmatisch engen Philosophiebegriff und der Tendenz, jede Nachdenklichkeit und jedes Über-Gott-und-die-Welt-Plaudern mit dem Titel "Philosophieren" zu versehen.
 

Philosophie gleich Wissenschaft und Kunst in einem

Matthew Lipman, einer der ‚Väter' der neueren kinderphilosophischen Bestrebungen, postuliert neben dem wissenschaftlichen einen künstlerischen Zugang zur Philosophie:

Philosophie sei als eine Kunstform mit entsprechenden Herangehensweisen zu verstehen.

Aber nach wie vor bleibt die Frage bestehen, inwieweit Kindern begrifflich-argumentatives Denken entspricht - denn Philosophieren kommt nicht ohne verbale begriffliche Eingrenzungen aus.

Nach Susanne Nordhofen gilt es, "die kindlichen philosophischen Denkkeime systematisch zu erkennen. zu fördern und zu kultivieren und dies Unternehmen auch philosophisch, gleichsam von innen heraus, zu begründen". Nordhofen sucht einen sinnlichen Zugang zur Reflexion, wenn sie, auf Ernst Cassirer oder dessen Schülerin Susanne Langer zurückgreifend. der verbalistischen Ausdrucksform eine symbolische - gleichberechtigt und ergänzend - zur Seite stellt. Es gehe (vergl. 8. Brüning) um eine Erweiterung bzw. Präzisierung der Grenzen von Rationalität.
 

S' Käuzli , Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie

Die "Schweizerische Dokumentationsstelle für Kinder- und Alltagsphilosophie" wird von Eva Zoller geleitet. "S'Käuzli", so der Name der Doku-SteIle, entstand 1987 aus einer privaten Sammlung von Literatur zur Kinderphilosophie. Heute bietet Eva Zoller Kurse zu "Kinder- und Alltagsphilosophie" an, vermittelt Informationen für Erziehende und vertreibt einschlägige Bücher - darunter zwei von ihr selbst verfasste.
 
Bei Eva Zoller wird Kinderphilosophie nicht in Abgrenzung von der akademischen Philosophie reflektiert, sondern es geht ihr um die Legitimation eines Gesprächs als Philosophie in allgemeinerem Sinn. Ja, für Eva Zoller hat Kinderphilosophie eher mit Pädagogik als mit Philosophie zu tun. Philosophierende Gespräche - ausgehend beispielsweise von Naturgegenständen wie Steinen - dienen dem Kind und unterstützen sein Interesse an Fragen zur Welt und zum Mensch-sein: im Ansprechen eigener Erfahrungen, im genauen Wahrnehmen, im Klären von Begriffen, im Differenzieren und Hinterfragen von Beobachtungen sowie im Begründen von Entscheidungen. Selbstdenken ist zentral. Und dieses sei bei Kindern, so resümiert Eva Zoller ihre Erfahrungen, viel eher auf den Sinn als auf die Ursache eines gegebenen Zusammenhangs ausgerichtet. Es gehe dementsprechend nicht um Faktenwissen, sondern darum, Meinungsbildung und kindlichen Denk-Mut zu fördern. 
 
Bernard Fassbind

 

 
 
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